Nein, es war nicht  der dort  für 2022 geplante Hessentag, der uns zu einer Fahrt nach Haiger animiert hat. Es war – wie so oft bei uns – kulinarische Neugierde.  „Villa Busch“ hieß unser Ziel. Gehobene Gastronomie in einer restaurierten Jugendstil-Villa. Praktischerweise direkt neben einem Haltepunkt der Regionalbahn.  Ein klarer Fall für das Seniorenticket.

Intensive Fahrplan-Analysen kamen zum Schluss, dass Lich der günstigste Startpunkt für unseren Ausflug sei.  Und dass wir unterm Strich schneller zum Ziel kommen würden, wenn wir den letzten Kilometer zu Fuß gehen würden.

In Lich haben wir noch etwas Zeit, uns ein Denkmal vor der Brauerei anzuschauen. Sehr erfreulich, dass hier der ehrenwerte Beruf des Bierkutschers gebührend gewürdigt wird.

   

Der Zug RB46 nach Gießen ist pünktlich auf die Minute. Die halbe Stunde Umsteigezeit hat durchaus Unterhaltungswert: Lautsprecherdurchsagen,die in Widerspruch stehen zu Anzeigetafeln und den Beteuerungen des sehr geduldigen Bodenpersonals („Achten Sie NICHT auf die Durchsagen.  Ihr Zug fährt wir geplant ab Gleis 11“).  Fahrgast-Pulks, die leicht verwirrt von einem Bahnsteig zum nächsten wandern.

Nebenbei ist noch Zeit, die Buntsandstein-Architektur des Bahnhofs genauer anzuschauen. Errichtet wurde das neo-romanische Bauwerk  1904-1911 nach Plänen des  Herborner Architekten Ludwig Hofmann. „Eine Mischung aus Kirche und Burg“, wie der Schriftsteller Martin Walser das Gebäude später beschrieb.

     

Pünktlich um 11:09  macht sich RB99 auf den Weg nach Haiger. Die RMV-App hatte „geringe Belegung im Fahrverlauf“ avisiert, stimmt.

Das Bahnhofsgebäude von Haiger stammt aus derselben Zeit wie das in  Gießen, wurde ebenfalls von Ludwig Hofmann errichtet und steht ebenfalls unter Denkmalschutz.  Damit enden die Gemeinsamkeiten.  Das Empfangsgebäude in Haiger  hat etwas von einem „Lost Place“, was sehr schade ist, denn der Bau hat offenkundig das Potential für sinnvolle Nutzungen – etwa als Jugendzentrum. Vielleicht sorgt ja der Hessentag für die überfällige Sanierung.

Einer Informationstafel am Bahnhofsvorplatz entnehmen wir, dass Haiger „romantisch und quirrlich“ sei. Wir sind gespannt …

Wir wandern über die an diesem Sonntag Mittag menschenleere Bahnhofstraße zum historischen Ortskern. Auf beiden Seiten der Straße eine eigenartige Mischung aus alter Bausubstanz und gesichtslosen funktionalen Gewerbebauten. Dazwischen erstaunliche Beispiele von „architektonischem Gestaltungswillen“.  Bei Restaurants und Gaststätten am Wegesrand dominiert wie anderswo auch die  internationale Küche: Sushi, mexikanisch, türkisch und natürlich italienisch.

     

Im Ortskern von Haiger hat die Modernisierungsfreude der 70er und 80er Jahre deutliche Spuren hinterlassen. Am auffälligsten ist der Rathaus-Neubau am Marktplatz (der bei Fotos – auch in offiziellen Broschüren – gern ausgespart wird).

 

Sehr fotogen ist der Blick hinauf zur evangelischen Kirche  mit Heimatmuseum und Marktplatzbrunnen.

Die in der kunstgeschichtlichen Fachliteratur hoch gelobte Kirche ist leider geschlossen und so kommen wir etwas früher an der Villa Busch an. Der Bau macht schon von außen einen hervorragenden Eindruck. 10 Jahre hatte die ehemalige Ingenieursvilla und spätere Arztpraxis leergestanden, bis es zu einer umfassenden Sanierung kam. Fotos im Eingangsbereich der Villa dokumentieren, mit wieviel Aufwand und Sorgfalt hier vorgegangen wurde.

  

Die Lage der Villa Busch ist spektakulär. Ein großartiger Blick von der Sommerterrasse auf Ort und Landschaft.

 

Wir werden freundlich begrüßt, dürfen unsere COV-Pässe vorzeigen (was uns sehr freut) und bekommen einen schönen Fensterplatz mit Panoramablick.  Das Restaurant fast voll. Gut, dass wir reserviert haben.

   

Das Restaurant beschreibt seine Küche als „innovativ und kreativ –  von gutbürgerlichen Speisen bis zur gehobenen Gourmetküche“, was wir voll unterschreiben können.  Sehr erfreulich ist der asiatische Einschlag in einigen Gerichten der gut zusammengestellten Speisekarte. Auch die Weinkarte ist sehr überzeugend.  Unsere Bilanz:  die Fahrt lohnt sich! Wir waren nicht zum letzten Mal in der Villa Busch.

Warmer Kalbskopfsalat und gebratene Seawater Gambas mit wildem Brokkoli und Buchenpilzen
Französische Maishähnchenbrust auf Trüffelrisotto mit Trüffelchips de Luxe und grünem Spargel

 

Für einen „Verdauungsspaziergang“ wandern wir auf der Trasse einer ehemaligen Grubenbahn nach Langenaubach. Ein schöner Rad- und Fußgängerweg mit informativen Tafeln zur Erdgeschichte.  Für geologisch Interessierte wie uns sehr aufschlussreich.

   

Auf dem Rückweg zum Bahnhof  ein Zwischenstop  im Eiscafé am Marktplatz, der sich in der Zwischenzeit gut gefüllt hat.

Die Rückfahrt nach Lich verläuft unkompliziert und pünktlich. Und die RMV-App hatte Recht mit der Prognose: „Hohe Belegung im Fahrtverlauf erwartet“.  Typisch Sonntag Abend.

 

Feine Küche in Haiger

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